Die Geschichte von Norrgavel

Der Weg zu Norrgavel

Norrgavel wurde 1991 von Nirvan Richter gegründet. Mit einem Architekturstudium an der Stockholmer KTH und einer Schreinerlehre an der renommierten Carl-Malmsten-Schule brachte der Designer die idealen theoretischen und praktischen Voraussetzungen mit. 

Richters Interesse für Möbel und Möbeldesign war nicht neu. Als er sein Studium in den 1980er Jahren abschloss, zeichnete sich bereits deutlich ab, dass ihn die Frage, wie sich gute, ästhetische Inneneinrichtungen schaffen ließen, am meisten reizte. So lag es nahe, sich in die Bereiche Möbel und Schreinerhandwerk weiter zu vertiefen. Die schwedische Architekturbranche erschien Richter damals stark vom Modernismus geprägt. Die Innenarchitektur erlebte er dagegen als einen Art Freizone. 

Zum ersten Mal machte Nirvan Richter 1988 auf sich aufmerksam. Als Architekt war er für die Carl-Malmsten-Ausstellung im Nordiska Museet in Stockholm verantwortlich. Einige charakteristische Richter-Merkmale treten bereits in dieser Arbeit deutlich zu Tage: Umfassende Fachkenntnis, Respekt vor solidem Handwerk, Kreativität und eine leicht rebellische Verspieltheit. Richters Intension war, Malmsten vom Sockel zu heben, zu entstauben und auf Augenhöhe zu bringen. So wollte er zeigen, dass viele Ideen des Meisters nach wie vor hochaktuell waren.

Starke Persönlichkeiten, starke Bewegungen

Viele starke Persönlichkeiten und Bewegungen haben Nirvan Richter als Möbeldesigner inspiriert: Ellen Key („der Wert der Schönheit“), Carl Larsson („das Alltägliche“), Malmsten („Handwerk“), die schwedische bäuerliche Kunsthandwerktradition, der Klassizismus der 1920er Jahre und der frühe Funktionalismus, der den Gedanken von gesundem Wohnraum für alle architektonisch umsetzen wollte. Auch das dänische Schreinerhandwerk hat Richters Arbeiten für Norrgavel geprägt. Hier sind Architekten und Designer wie Kaare Klint, Mogens Koch und Børge Mogensen zu nennen. 

Als außerskandinavischer Einfluss ist das solide, schlichte Handwerk, das im 19. Jh. von den Schreinern der freikirchlichen Shaker-Bewegung in den USA praktiziert wurde und den Stil der Shaker-Möbel begründet hat, in Richters Möbel- und Einrichtungsdesign erkennbar. Darüber hinaus hat die japanische Wabi-Sabi-Tradition mit ihrem Respekt vor dem Asymmetrischen, Schnörkellosen und Natürlichen deutliche Spuren hinterlassen. 

Ein weiterer wichtiger Aspekt für Nirvan Richters Denken war die Kritik am Funktionalismus. Richter bemängelte vor allem die Einseitigkeit und die fehlende ganzheitliche Perspektive. Während der Modernismus in den 1960er und 1970er Jahren alles wie eine Dampfwalze zu überrollen schien, formierten sich zugleich Alternativbewegungen, die von Flower Power über die Umweltbewegung bis hin zur New-Age-Bewegung reichten und die Konsumgesellschaft auf unterschiedliche Weise in Frage stellten. Auch diese Bewegungen hatten einen starken Einfluss auf Richters Ideen. 

Ausgehend von diesen unterschiedlichen Strömungen entwickelte Richter seinen ganz eigenen Designansatz für Möbel, der den Auftakt zu einer stillen Revolution in der schwedischen Einrichtungskultur bilden sollte. 

Die spirituelle Dimension war auch zentral für Richters persönliche Entwicklung. Nirvan Richter wurde 1954 als Erik Johansson geboren. Mit 20 Jahren nahm er gemeinsam mit seinen Geschwistern den Nachnahmen seiner dänischen Großmutter an, die Richter hieß. Nachdem er Mitte der 1990er Jahre die Kraft der Meditation für sich entdeckt hatte, wollte er ein deutliches Zeichen setzen, dass er seine Spiritualität sehr ernst nahm. Nach einem Briefwechsel mit einem indischen Meditationszentrum im Jahr 1999 änderte er seinen Vornamen von Erik in Anand Nirvan („Befreiung durch Glückseligkeit“). 

Ausgehend von diesen Erlebnissen orientierte er sich immer stärker nach innen und ging von seinen eigenen Erfahrungen und Gefühlen aus, um Inspiration für seine Arbeit zu finden.

Das Fundament von Norrgavel

In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren kristallisierte sich der Wunsch, ein eigenes Möbelunternehmen zu gründen, immer stärker heraus. Nirvan Richter wollte die Möbel herstellen, die er selbst auf dem Markt vermisste. Langlebige Möbel aus reinen Naturmaterialien, die bei Bedarf repariert oder neu bezogen und von Generation zu Generation weitergegeben werden konnten. Möbel in einem Design, das kurzlebige Trends überdauert. Eine langfristige Alternative zu schnellem Profit und Massenproduktion, die sich an solidem Handwerk orientiert. 

Funktionale Schlichtheit wurde deswegen zum Wahlspruch für Norrgavel. Hiermit war nicht Einfachheit als Ergebnis von Not und Mangel gemeint. Auch nicht minimalistische Kargheit, sondern eine schnörkellöse, erlesene Schlichtheit, die funktionale und praktische Möbel auszeichnet. Außerdem stützte sich das Design auf die Erfahrungen und das Wissen, die Untersuchungen zum Wohnverhalten und zur Funktion ergeben haben. 

Hierbei kann es um Eigenschaften gehen, die auf der Hand zu liegen scheinen: Dass Innenabmessungen einer Schreibtischschublade wirklich auf das DIN-A4-Format abgestimmt sind. Dass der Platz in Kleiderschränken optimal ausgenutzt wird, beispielsweise für zusammengelegte Pullover. Dass eine Staubsaugerdüse noch unter niedrig angebrachte Fachböden passt. Dass sich Polstermöbel bis in die Tiefe sauber halten lassen. Dass Höhe und Sitzwinkel von Stühlen optimal sind. Das Sündenregister der Branche erschien Norrgavel viel zu lang. 

Die Möbel von Norrgavel sollten nicht unbedingt mit spektakulärem Design die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern eher langfristig Freude bereiten. Ein diskretes Design war das Ziel, dessen besondere Qualität sich vor allem auch im Gebrauch entfaltet. Ein Stuhl, der dem Körper an den richtigen Stellen Unterstützung bietet, ein Griff, der den Fingern und der Hand dabei hilft, eine Schublade aufzuziehen. Norrgavels Möbel sollten die Umgebung nicht dominieren, sondern als stille, funktionale Helfer im Hintergrund stehen. 

Der Umweltgedanke

Umweltschutz ist ein weiterer wichtiger Aspekt, der den Ansatz von Norrgavel von Anfang an geprägt hat. Bereits zu einem frühen Zeitpunkt war klar, dass das Unternehmen ausschließlich natürliche Materialien verwenden würde. Hierfür gab es zwei Gründe: 

Zum einen ging es natürlich um den Umweltschutz. Norrgavel hatte sich das Ziel gesetzt, durch rein natürliche Rohstoffe das Kreislaufprinzip umzusetzen. Zum anderen ging es um die sinnliche Qualität: Optik, Duft, Haptik. Eitempera als umweltfreundliche Möbelfarbe, die die Lichtstimmungen verstärkt und beim Öffnen einer Schranktür ihren Duft verströmt. Das rein physische Gefühl, mit der Hand über eine gelaugte Eichenplatte zu streichen, oder die taktile Qualität verschiedener Leinenstoffe zu spüren. Norrgavel verwirklicht durch die natürlichen Materialien auch eine ästhetische Entscheidung, die die Sinne anregt. Außerdem sind die Materialien wartungsfreundlich und werden mit dem Alter immer schöner. 

Ein weiterer Grundpfeiler im Konzept von Norrgavel ist die Idee eines übergreifenden Zusammenhangs: Die Möbel sollen sich perfekt miteinander kombinieren lassen. Die Tischlängen und die Breite von Federkernmatratzen sollen mit der Länge von Fachböden harmonieren. Die Höhe von Spiegeln und die Tiefe von Fachböden zu den Badezimmerschränken passen. Der Rollschrank unter dem Schreibtisch Platz finden. Die Spiegelrahmen auf die Tische abgestimmt sein. Und so weiter. Alles soll zusammenhängen. 

Vielseitigkeit ist ein weiterer wichtiger Aspekt in Norrgavels Philosophie: Verschiedene Holzarten, Oberflächenbehandlungen und neue Möbel sollen mit alten kombinierbar. Deshalb berücksichtigt das Design immer möglichst viele verschiedene Ausführungen, sodass die Möbel immer perfekt mit der bereits vorhandenen Einrichtung harmonieren.

Das Unternehmen nimmt Gestalt an

Im Januar wurde die Marke Norrgavel eingetragen. Nirvan Richter beschäftigte eine Mitarbeiterin, die kompetente Möbelschreinerin Maria Månsson, die für die Profilierung des jungen Unternehmens eine entscheidende Bedeutung spielen sollte. Die Modellschreinerei befand sich im Hof, der an das Haus der Familie Richter im schwedischen Lund angrenzte. Hier entstanden die ersten Prototypen, u. a. der berühmte Sessel mit seiner hohen Speichen-Rückenlehne, der zum Symbol für Norrgavel geworden ist. 

Der Name des Unternehmens kam Anfang der 1990er Jahre mehr oder weniger durch Zufall zustande. Als Nirvan Richter auf der Suche nach einem Namen für sein Unternehmen war, bekam er am Telefon den Tipp, einen Namen auszuwählen, der mit dem Standort des Unternehmens zu tun hatte. „Hier gibt es doch nichts Besonderes, nur einen hohen Nordgiebel“, entfuhr es Erik Richter. Er meinte die Aussicht auf das Nachbarhaus. Da war es: Norrgavel - der Name war gefunden.

Norrgavel stellt sich vor

Norrgavel präsentierte seine Möbel zum ersten Mal auf der Wohnmesse Bo93 im schwedischen Karlskrona. Nirvan Richter richtete eine ganze Wohnung mit Möbelprototypen ein. Schon damals gab es viele der Möbel, die heute als die „Klassiker“ von Norrgavel gelten: Der Sessel, die Holzcouch, der Couchtisch und der erste Schrank. Dieser erste Schrank wurde zehn Jahre später zu Norrgavels Aufbewahrungsserie weiterentwickelt, die Schränke, Vitrinenschränke und Kleiderschränke umfasst. 

Die Wohnung auf der Ausstellung Bo93 erweckte große Aufmerksamkeit - sowohl beim Publikum als auch in den Medien. Lebendig, gemütlich, ansprechend und solide waren die Stichworte, die häufig fielen. Die überwältigend positive Resonanz machte Mut, den eingeschlagenen Kurs mit voller Kraft weiterzuverfolgen.

Das Unternehmen wächst

Nach der Messe wurde es ernst mit dem Unternehmen. Da Holz das Hauptmaterial von Norrgavels Möbel werden sollte, wandten sich Nirvan Richter und Maria Månsson an Schreinereien in Småland, um die Ziele des Unternehmens verwirklichen zu können. Von Anfang an war das Unternehmen vom Umweltgedanken geprägt. In allen Gesprächen mit potenziellen Zulieferern wurde deswegen betont, dass die Fertigung umweltfreundlich sein musste. 

Nicht alle konnten oder wollten diese Anforderungen erfüllen. Maria Månsson, die im Zeitraum 1993 und 1994 viel Zeit darauf verwendete, ein Lieferantennetzwerk aufzubauen, stieß immer wieder auf die leicht herablassende Reaktion, Norrgavel habe einen Ansatz, von dem sich andere Unternehmen bereits in den 1950er Jahren verabschiedet hätten. Man solle sich auf die Lieferkette einstellen und die Produktion vereinfachen, um den Preis senken zu können. 

Aber das neue Unternehmen war nicht an kurzlebigen Vereinfachungen und Qualitätskompromissen interessiert. Mehr noch, es wagte zu behaupten, dass die Möbel von Norrgavel im preiswerter waren als die von Billiganbietern – wenn man sie an ihrer Lebensdauer maß. Eine Einstellung, die sich langfristig auszahlen sollte. 

Eine weitere Herausforderung bestand darin, Lieferanten zu finden, die alte Techniken und manuelle Arbeitsschritte in eine größtenteils maschinellen Fertigung integrieren konnten. Auch die Preisgestaltung wurde bei der Wahl der Techniker und Lieferanten einbezogen. Niedrigpreise würden sich mit den Ansprüchen, die das Unternehmen hatte, nicht realisieren lassen. Die Kosten mussten aber angemessen sein, um die Möbel für eine breitere Zielgruppe attraktiv zu machen. 

Sämtliche Möbel Svanen-zertifiziert

Umweltdenken ist für das Unternehmen nicht nur Kosmetik. Hierfür hat Norrgavel mehrere Nachweise erbracht. Norrgavel war auch das erste Unternehmen, dessen Haushaltsmöbel 1998 Svanen-zertifiziert wurden. Derzeit l, um die Kennzeichnung für sämtliche Möbel des Sortiments zu erneuern. Im darauffolgenden Jahr erhielt das Unternehmen den Umweltpreis der schwedischen Möbelbranche, eine Auszeichnung, die in Zusammenarbeit mit dem World Wildlife Fund (WWF) verliehen wird. Mehrere Möbel wurden außerdem mit dem Preis Utmärkt Svensk Form ausgezeichnet. Der Umweltaspekt wurde in der Stellungnahme der Jury ausdrücklich erwähnt. 

Immer mehr Geschäfte

[Textbrytning]Anfangs wurden die Möbel per Versandhandel verkauft. Im Herbst 1994 eröffnete Norrgavel seinen ersten Laden auf der Kungsgatan in Stockholm. Hierdurch konnte das Unternehmen einen größeren Kundenkreis ansprechen. Das Sortiment wurde um die BAS-Möbel Stol und Bord erweitert. 

Nach der Eröffnung der Filiale in Stockholm wurde eine eigene Produktionsanlage für die Oberflächenbehandlung und Montage in Lammhult eingerichtet. 

In den darauffolgenden Jahren entstanden immer mehr Standorte. 1995 eröffnete auch in Lammhult ein Laden. 1997 entstand die erste Franchise-Boutique im schwedischen Göteborg. Im darauffolgenden Jahr etablierte sich ein Geschäft in Malmö. Inzwischen sind auch die Läden in Lammhult und Stockholm Franchise-Unternehmen. Die Eröffnung von neuen Standorten setzte sich immer weiter fort: 2008 in Västerås, m November 2009 in Oslo und im Oktober 2010 in Uppsala.

Norrgavel entwickelt sich weiter

In den Jahren 2010 und 2011 stieß Norrgavel einen Prozess an, der den Designhorizont des Unternehmens erweitert sollte. Es ging darum, die positiven Seiten des Modernismus ausdrücklich zu bejahen. Viele Aspekte hatten Norrgavel am Ideal des Modernismus schon immer fasziniert: Die Gestaltung lichter, luftiger Umgebungen, die analytische Klarheit und die grafische Stringenz mit ihrer mathematischen Genauigkeit, das Gefühl für Kontraste und das Spiel mit Farben. 

Ein Modernismus à la Norrgavel sollte entstehen, befreit vom linearen Denken, das die klassische Richtung so einseitig machte. Stattdessen entwickelte Norrgavel einen Modernismus mit moderner Note, die die Naturgesetze des Kreislaufprinzips einbezieht: Alles beginnt an einem Punkt und muss an denselben Punkt zurückkehren.

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